SIELWERKE IN OSTFRIESLAND FRIESLAND

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Historische Sielbauwerke in Ostfriesland-Friesland  

                                                                             Kulturgeschichtliche Spurensuche

 

 


 

Das Klima und der Meeresspiegelanstieg sind aktuelle Themen. Mit der Erwärmung der Ozeane wird eine Ausdehnung des Wassers, auch als thermosterischer Anstieg bezeichnet, eingeleitet. Gleichzeitig wird mit dem Abschmelzen der Gletscher zusätzlich Wasser freigesetzt.  Dieser Prozess hat Auswirkungen auf den zukünftigen Küstenverlauf. Veränderungen an der ostfriesischen-friesischen Küstenlinie hat es immer gegeben. Das ganze Mittelalter durch bis zur Neuzeit, 1500 n. Chr., und auch später, haben Sturmfluten die Küstenlinien verändert. Ganze Landstriche, Dörfer und Deichlinien versanken in den Fluten. Noch  heute  sind diese Spuren auch an  der ostfriesischen-friesischen Küste sichtbar. Durch große naturräumliche Veränderungen , verursacht durch Meereseinbrüche und  Einpolderungsmaßnahmen, haben der Dollart und der Jadebusen ihre heutige Gestalt erhalten. Um die Entwässerung und den Hochwasserschutz  in den  Küstengebieten sicherzustellen, sind schon früh, um 1000 n. Chr., erste Siele entstanden. Sie erfüllten somit eine Doppelfunktion und sind kulturhistorische Einrichtungen von besonderer Bedeutung.




                                                                                 Aktuell : Gefährdungsgebiete  2050

Die Gefährdungsflächen, rot eingefärbt, werden voraussichtlich bis 2050, so die wissenschaftliche Prognose, unter dem Meeresspiegel liegen. Das bedeutet nicht die sofortige Überschwemmung der Gebiete.  Die Entwässerung und der Hochwasserschutz für die  betroffenen Areale stellt eine besondere Herausforderung für die zukünftigen Siel-u. Deichachten dar. Das Wassermanagement der Zukunft muss sich auf globale klimatische Veränderungen einstellen, die, wie schon in der Vergangenheit, Gebietsverluste nicht gänzlich  ausschließt.


 


                                                Quelle: Clima Central Coastal Risk- Screening Tool. Land Projected to be below annual Floed level in 2050. Oktober 2019 ( Komplette Quelle: siehe Literatur )

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                                                                                                                          Alte Küsten-u. Deichlinien

 

                                                                       Quelle: Ostfriesland Geschichte u. Gestalt einer Kulturlandschaft. Hrsg. K.E. Behre u. H.van Lengen,Aurich 1996, Seite 24     

Die ostfriesische Küstenlinie war nicht immer so gradlinig eingedeicht, wie sie sich heute darstellt.Die gesamte ostfriesische Küste war mit Buchten versehen und gliederte den Marschengürtel in halbinselartige Gebilde.
Einige Meereseinbrüche, wie die Bucht von Sielmöken, hatten um 800 n.Ch. ihre größte Ausdehnung, andere Buchten, wie die Leybucht dagegen erst um 1500 n. Ch.
Die holzänen Ablagerungen ( Marsch ) in den ersten Jahrhunderten nach Chr. führten dazu, dass der Marschenküstengürtel nur noch bei Flut überschwemmt wurde. Gleichzeitig erfolgte damit eine Besiedlung der Marschgebiete; im 7. und 8. Jh. nach Chr. beschleunigte sich der Besiedlungsprozeß durch die Friesen. Zunächst noch auf einfachen Erdhügeln, später dann auf zunehmend befestigten Wurten schufen sich die Küstenbewohner halbwegs sichere Wohnanlagen.

 

 

                                                                                                                                                            


                                                                                                                      Alte Meeresbuchten  ( 800-1000 n. Chr. )

                                                                                                                                                  

 Durch eine ständige Erweiterung und Erhöhung der Einzelwurten entstanden die ersten zusammenhängenden  Dorfwarften.
Um 1000 n. Chr. entstanden die ersten Deiche, um die landwirtschaftlichen Flächen vor der ständigen Überflutung zu schützen. Durch die Zusammenführung einzelner, isolierter Ringdeichabschnitte um 1200/1300 n.Chr. entstand der erste zusammenhängende Deichbereich an der ostfriesischen Küste.
Mit der nun erfolgten Eindeichung der Binnenlandflächen musste auch das Problem der Entwässerung gelöst werden. Einerseits musste das überschüssige Binnenwasser, oft lag das Land unter dem Meeresspiegel, wieder dem Meer zugeführt werden. Anderseits bestand die Notwendigkeit, dass Land vor der Meeresflut zu schützen.
Noch bis ins hohe Mittelalter flossen die Tiefs direkt ins Meer ab und entwässerten auf natürlichen Weg das Land. Bei Flut drang dann das salzige Seewasser wiederum weit ins Marschenland ein.

Verschließbare Deichdurchlässe, sogenannte Klappsiele aus Holz ( Baumsiele)  sind ab 1200 n.Chr. nachweisbar; wahrscheinlich wurde dieses Sieltypus aber schon früher verwendet
.

Das Schlieker Siel ( Details 5  ) wird bereits um 970 genannt und ist somit wohl der älteste Hinweis auf ein Siel überhaupt. 

 

 

                                                                                                                       Der Emsverlauf ohne Dollart ( vor 1277 )

          Beispiel : Geografische Lagesituation  vor Einbruch des Dollarts 1277   ( Quelle: Dollarthafen, Heft 1, Niedersächsisches Hafenamt, Emden 1987 )



                                                      Kurzer Abriss: Entwicklung der Sielanlagen



                                                                                                                                             Alte Klappsiele


Anfangs dienten auch ausgeschlagene Baumstämme als Sielabfluss.Es folgte eine Weiterentwicklung aus rechteckigen Holzkonstuktionen mit verschliessbaren Klappen. Baumsiele und Klappsiele wurden auch als " Höhlen " bezeichnet. Eine Querbalken am oberen Außensielverschluss diente zur Aufhängung der Sielklappe.


Kleine Zug-u.Hebesiele

Noch heute sind kleine Zug-u.Hebesiele in Betrieb. Oft Zur Entwässerung und Regulierung des Wasserstandes von kleinen Tiefs und Gäben. Das Konstruktionsprinzip ist ähnlich wie bei den frühen Kippsielen. Das Dichtungsschott ( das kleine Sieltor ) wird jedoch per Hand in die richtige Stellung gebracht. Vereinzelt ist ein Zugseil montiert und die Regulierung wird über den Wasserdruck geregelt.

                                                                                                               ( Quelle:  Der Jadebusen, H. Egidius, Oldenburg 2011 )


Schlickpumpen

Besonders im Emsbereich wurden hölzerne Schlickpumpen eingesetzt. Aber  auch in der Krummhörn sind sie  bis Anfang des 19.Jh. im Einsatz gewesen. Nachgewiesen sind Schlickpumpen in Gandersum und Rorichum ( um 1770 ). Die Pumpe führte durch den Fuß des Deiches und hatte Fluttüren oder auch Flutklappen. Die Loquarder Schlickpumpe bestand aus Eichenbohlen und war 126 Fuß lang ( ca. 33 mtr. ). Die Pumpachten, eine Art Zweckverband, wie die Sielachten, unterhielten dieses Schlickpumpen ( Die Acht u. ihre 7 Siele, Band 1 , Seite 67).

Auch das Karmersiel ( Carmersiel ) beim Leeshaus, am Deich bei Hamswehrum, bestand aus einer Schlickpumpe und das bereits seit 1667. Erst 1832 wurde diese Einrichtung abgebaut und geschlossen ( Anm.1 )


Pumpsiele

Ähnlich wie die Schlickpumpen wurden die Pumpsiele durch den Deich gelegt. "Die außendeichs mit einer Klappe verschließbaren, sich selbständig betätigenden Abflusseinrichtungen wurden im Laufe der Zeit vergrößert und erhielten horizontal drehbare Türflügel, die sich ebenfalls automatisch durch die Bewegung des Wassers öffnen und schließen ließen " (Die Acht und ihre 7 Siele, Bd. 1, Seite 38 )


Verlaate

Oft wurden Dämme angelegt, um das Außenwasser nicht in tiefere Lagen einfließen zu lassen.  Innerhalb dieser Dämme im Binnenland wurden Staueinrichtungen angelegt, die sogenannten die Verlaate. Die Verlaate, oft mit einem Schieberegulator oder Schiebeschott ausgestattet, regulierten den dann kontrollierten Wasserstand. Daraus entwickelten sich später die Stauwehre.



Hebersiele

Hebersiele wurden besonders in den Jahren 1910 -1930 eingerichtet. Hebersiele funktionieren ohne Mechanik und Strom, sondern mit einem Luftdruckverfahren. Auf der einen Seite des Deiches ist eine Luftkammer installiert. Ein breites Rohr verläuft durch den Deich und führt durch das Luftdruckverfahren das Entwässerungswasser dann in die See ab. Das einzige Hebersiel in Ostfriesland war in Dornumersiel installiert.

 

                                                                                                                             Luftkammer eines Hebesiels


Holztorsiele


Ab ca.1450-1500 sind vermehrt größere Holzsiele zu verzeichnen.In den Niederlanden sind ab dem 12.-13. Jh. schon Holzsielwerke belegt. Neueindeichungen  und die Zusammenlegung von kleinen Tiefs zu größeren Sieltiefs beschleunigt sich. Die einfachen Klappsiele konnten diese Entwässerungsanforderung und den Hochwasserschutz nicht mehr gewährleisten.

Nun entstehen zunehmend Holzsielanlagen. Das Holzsielwerk gliedert sich in drei Bereiche:

> das Außensiel mit dem Fluttor. Schließung bei Hochwasser

>den i.d.R. rechteckligen Sieltunnel mit dem Sturmtor zur Entlastung

  der Fluttore

>das Binnensiel mit dem Ebbetor. Die Schließung des Binnentores

   verhinderte den zu starken Abfluss des Binnenwassers.


Die Gesamtläge der Sielanlage betrug ca. 25-30 mtr. ; der Sieltunnel  war ca. 4-5 mtr. breit und 3-4 mtr. hoch.

Von jetzt ab wird der eigentliche Sielverschluss vertikal konstruiert.

Die Stemmtore ( Sieltore ) werden, wie Türen, vertikal eingehängt.Die schweren und großen "Holzsieltüren" öffneten sich bei ablaufenden Wasser um die Binnenentwässerung zu gewähleisten. Bei Flut drängte das Außenwasser gegen die Sieltore und verschloss somit das Siel.

Passgenau treffen beide Sieltore bei der Schließung zusammen. Der enorme Wassserdruck wird abgeleitet von den Sieltoren in die Widerlager der Sieltoraufhängung. Am Boden des Siels verriegelt das Drempeldreieck der Schlagschwellen die Anlage.

Besonderes Augenmerk hatten die Sielbaumeister  auf die Leichgängigkeit der Tore. Die schweren Holzsieltüren waren oberhalb an ihrer Drehachse, auch Harrelposten genannt, mit Eisenbandverschlägen befestigt. Unterhalb war der Drehmechanismus ( Pfropfen) mit eine Metallhaube eingefasst. Dieser Pfropfen lagerte in einer gusseiserne " Pfanne "  ( zuvor auch Kupfer ) und war somit reibungsfrei und gut beweglich. Auch der Einsatz von Bongossivholz  (Tropenholz ) zwischen Pfanne und Pfropfen  als Kugellager ist bekannt.


Massives Steingewölbesiel

Ab Mitte des 18. Jh. wurden die Holzsielanlagen durch Steinsiele ersetzt. Das Holz kam oft über Importwege aus Skandinavien, Mitteldeutschland und  über Stapelplätze aus den Niederlanden. Somit ein sehr kostenintensives Produkt.

1744 ordnete Friedrich der Große, Ostfriesland gehörte ab 1744 zu Preußen, in einer  Kabinetts-Order an, dass ab  sofort der Steinsielbau gefördert wird. Anfangs kam das Baumaterial noch von den ostfriesischen Schlössern und Festungen, die von jetzt ab für Friedrich den Großen keine Bedeutung mehr hatten.

Grundsätzlich wurden Steinsielanlagen in ihrer Planung größer konzipiert. Größere Sielanlagen ermöglichten auch ein Steigerung der Sielkapazität (Entwässerungskapazität ) und führte zu Zusammenlegungen von Einzelsielstandorten zu Hauptsielstandorten.

Die Funktion der Siele gleicht dem Prinzip der früheren Holzsiele. Der Sieltunnel ist von jetzt ab oft als halbrundes Gewölbe gestaltet.

Funktionsprinzip:

> Außen die Holzstemmtore ( Sieltore ), die bei Flut schließen.

> Innen ( Binnensiel ) Ebbetore ( oft von Sielwärtern bedient )

> Im Steinsieltunnel die Sturmtore f. Sturmfluten, zur Unterstützung   der Außenfluttore


Funktionsprinzip: Gewölbe-Steinsiel

An der ostfriesisch-friesischen Küste sind unterschiedliche Sielbautypen entstanden. Oft abhängig von sturmflutbedrohten Deichabschnitten    oder lokalen Bedingungen.

Je nach Bautyp sind die Sturmtore entweder in der Mitte oder außerhalb des Tunnels angebracht. Oft hatten Siele aber keine zusätzlichen Sturmtorvorrichtungen. Kleine Öffnungen in  Form von Schiebern in den Sieltoren unterstützen die Feinregulierung des Wasserbestandes. Auch angebrachtes Seil-oder Tauwerk an den Sieltoren diente zur Feinabstimmung des Sielvorganges.

Das Sielaußenwerk ist i.d.R. aus Ziegelsteinen aufgemauert. Oft kommt auch Sandstein als Eckverbindung oder Formstein zum Einsatz. Der obere Sielbogen ist oft mit Inschriften bestückt und weist auf Gründungsdaten und Erbauer ( Sielachten / Deichachten  ) hin. 


Ab den Nachkriegsjahren, in einigen Fällen aber auch schon früher,  übernahmen maschinenbetriebene Schöpfwerke die Entwässerung des Binnenlandes.

Heute sind leider nur noch wenige Siele erhalten. Sehenswert sind u.a. die erhaltenen Siele von Esklum, Weekeborg, Filsum, Ditzum, Dyksterhusen, Greetsiel und Hooksiel.

Oft sind noch Teile oder Fragmente von Sielanlagen erhalten. Spannend ist auch die kulturgeschichtliche Spurensuche nach verborgenen Sielstandorten.

                                   



(Anm.1 Bei der  Schlickpumpe Loquard und das Carmersiel, beide örtlich dicht zusammenliegend, wird es sich wahrscheinlich um nur eine Einrichtung handeln ).

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Sielwesen